Hören - Sehen - Begreifen: Das Warnke-Training

  Freitag, 12.00 Uhr. Die fünfte Stunde hat gerade begonnen. Es ist Zeit für das "Warnke-Training". Das gibt es an der FCSO jetzt schon seit einem Jahr. Konzentriert sitzen Schüler aus dem vierten Schuljahrgang auf ihren Plätzen. In ihren Händen halten sie den sogenannten „Brainboy“. Über Kopfhörer und über Lämpchen auf dem Gerät erhalten sie Aufgaben, auf die sie mal schnell und mal bedächtiger reagieren müssen.

Durch die offene Tür sieht man in den Nachbarraum. Hier beschäftigen sich andere Mädchen und Jungen intensiv mit dem Training am PC: Sie üben die richtige Schreibweise von Wörtern. In einem weiteren Raum sind Viertklässler über Kopfhörer an einen merkwürdigen Kasten angeschlossen und lesen dabei bedächtig Texte ab, die sie vor sich auf dem Tisch haben. Die Szenerie mutet fast ein wenig futuristisch an. 21 Schüler nehmen am Warnke-Training teil. Erstaunlich ist die Ruhe und Konzentration mit der die Schützlinge der Lehrerinnen Hilke Wehl, Karin Meyer und Ellen Gaspar dabei sind.

"Lesen lernt man durch Lesen, Schreiben durch Schreiben." Leider stimmt diese Aussage nicht für Kinder mit Problemen im Lesen und Schreiben. Sie ist sogar falsch. In der Primarstufe der Freien Christlichen Schule in Veenhusen wagt man deshalb einen neuen Weg, um diesen Kindern effektiv helfen zu können. Dieser Weg soll im Folgenden kurz geschildert werden.

Es fing damit an, dass eine Kollegin von dem sogenannten Warnke-Training hörte. Ein Kind in einer fünften Klasse, das bis dato noch nicht lesen konnte, hatte mit Hilfe des Brainboys angeblich doch noch das Lesen gelernt. Das weckte natürlich die Neugier dieser Kollegin. So kam der Stein ins Rollen.

Die Trainingsmethode geht auf den Forscher und Entwickler Fred Warnke zurück. Fred Warnke † befasste sich sechs Jahrzehnte lang mit Hörproblemen verschiedenster Art. 25 Jahre lang war er kaufmännischer Leiter der Sennheiser electronic KG, des größten deutschen Herstellers von Mikrofonen, Kopfhörern und drahtlosen Anlagen. Bereits in dieser Zeit beschäftigte er sich intensiv mit Problemen der Psychoakustik und Psycholinguistik. Zahlreiche Patente sind auf seinen Namen erteilt worden. Damals entstand auch die drahtlose Mikroport-Technik, mit deren Hilfe bis heute weltweit mehr als hunderttausend peripher hörbehinderte Kinder in Regelschulen integriert werden konnten.

Was aber beinhaltet das Warnke-Training? Es besteht aus drei Säulen: Dem Brainboy, einem Lateraltrainer und dem PC-Programm "Orthofix".

Der Brainboy trainiert grundlegende Funktionen des Gehirns, wodurch wichtige Fähigkeiten für das Sprechen, auch für die Aufmerksamkeit, die Konzentration und das Lernen in spielerischer Form gefördert werden. Es geht um die Verarbeitung des Gehörten im Gehirn und nicht nur um Hören im eigentlichen Sinne. Das Gehörte muss verstanden werden.

Man unterscheidet fünf Ebenen in der sprachlichen Kompetenz. "Die oberste ist die Satzebene, die unterste Ebene stellen die Laute dar." So hatten wir jedenfalls lange gedacht. Aber unter der Lautebene gibt es noch eine Ebene, die sogenannte "Low-Level-Ebene". Hierzu gehört unter anderem die "Ordnungsschwelle".

Eine der interessantesten Entdeckungen der Neurophysiologie war die Erforschung der sogenannten Ordnungsschwelle bzw. Zeitordnung. Die Ordnungsschwelle ist der zeitliche Mindestabstand, in dem Reize aufeinander folgen müssen, um getrennt, d.h. nacheinander wahrgenommen zu werden.

Der bekannte Hirnforscher Manfred Spitzer sagt dazu: „Der akustische Sinn (Hörsinn) ist der schnellste Sinn, den es gibt. Der Unterschied zwischen g und k, zwischen b und p oder d und t beträgt, wenn man diese Konsonanten normal schnell hintereinander ausspricht, gerade mal 20 Millisekunden (1 Millisekunde ist der Tausendste Teil einer Sekunde). Bei einigen Kindern ist das Gehirn ein bisschen zu langsam. Sie verstehen nur noch einen Soundbrei.“

Neben dem Hören müssen auch das Sehen und die Motorik mit einbezogen werden. Genau das macht der Brainboy.

Die zweite Säule ist das Lateral-Training.

Die Funktion des Lateral-Trainers baut auf der Erkenntnis auf, dass bei lese-rechtschreibschwachen Kindern die Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften sowohl im Querschnitt als auch in ihrer Funktion beeinträchtigt ist. Der Lateral-Trainer verbessert die Koordination der beiden Hirnhälften.

Wie geschieht das? Das Kind hört über Kopfhörer eine Vorsprechstimme, die abwechselnd von einem Ohr über den Kopf zum anderen und zurück wandert. Der Clou besteht darin, dass das Kind synchron mit dieser Vorsprechstimme den gleichen Text liest, wodurch es die eigene Stimme mit der Vorsprechstimme vergleichen kann. Dabei hört es seine eigene Stimme aber stets von der entgegengesetzten Seite als die Vorsprechstimme.

Das Rechtschreibprogramm Orthofix ist ein visuelles Buchstabierprogramm. Es unterstützt das Erlernen von Wortbildern. Warnke geht davon aus, dass gute Rechtschreiber ohne die bewusste Anwendung von erlernten Rechtschreibregeln auskommen: Sie haben ein eindeutiges Bild von der richtigen Schreibweise des Wortes im Kopf gespeichert. Bei Orthofix wird ein Wort kurz eingeblendet, dann erscheint es noch einmal buchstabenweise. Danach muss es vom Kind einmal von links nach rechts buchstabenweise wieder eingetippt werden, anschließend genau entgegengesetzt.

Im Förderunterricht der Viertklässler tut sich jetzt etwas. Mit leisen, schnellen Bewegungen tauschen die Schülerinnen und Schüler ihre Plätze. Wer vorher am PC geübt hat, nimmt sich jetzt einen Brainboy. Die Brainboy-Truppe begibt sich zum Lateraltrainer, ein Zeichen für die dortigen Kinder wiederum, sich in Richtung Computerraum aufzumachen. Am Ende der 80minütigen Trainingseinheit wird jeder Schüler an allen drei Modulen des Warnke-Trainings intensiv gearbeitet haben.

Um ein solches Training fachgerecht durchführen zu können, nahmen 2015 vier Lehrerinnen der FCSO an entsprechenden Seminaren und Fortbildungen teil.

Auch Schüler der zweiten Klasse arbeiten zweimal in der Woche mit dem Brainboy. Faszinierend ist für uns Lehrer zu sehen, mit welcher Aufmerksamkeit die Schüler dabei sind. Schon jetzt sehen wir „kleine Erfolge“.

Ich denke, dass wir erst am Anfang eines spannenden Weges stehen. Hoffentlich haben wir bald die Möglichkeit, das Training auch noch in anderen Jahrgängen anzubieten!

Brigitte Behrmann, Projektleiterin (Sept. 2016)